Rosanna Zünd, Jerusalem

Autorin: Rosanna Zünd

Ein Jahr in Jerusalem

Studium
Musrara School of Art and Society, Jerusalem

Die Musrara School of Art and Soeciety in Jerusalem ist für mich ein Labor, bei dem man zum Experimentieren und Forschen eingeladen wird. Die Schule unterrichtet fast ausschliesslich experimentelle Kunst – man spricht manchmal bereits vom Musrara-Genre (zumindest in der Musik). Ich war Studentin im Advanced Studies for SoundArt and Experimental Music, – ein Programm im Musikdepartement, welches sehr klein ist und ein bisschen ausserhalb vom Musrara-Alltag stattfindet.

Unser Studiengang zeichnet sich dadurch aus, dass es zwar ein Sound-Studiengang ist, die Studierenden allerdings alle aus verschiedenen Disziplinen kommen. Wir sind eine Choreographin, eine bildende Künstlerin, ein Jazz-Bassist, ein Soundengineer, ein bildender Künstler aus der High-Tech-Branche und ich, die in Zürich Komposition studiert. Nebst unserem Kernprogramm in History of Sound Arts, Philosophy in The Arts, einem Seminar in Site-specific Arts, freier Improvisation und einem Kurs in Fieldrecording/Sound-Dokumentation, konnten wir alle Kurse der Schule belegen, die wir wollten. Ich habe Max-MSP, eine Class in Performance(art) und einen Video- Editing-Kurs belegt. Nebst den fachlichen Kompetenzen, die ich mir aneignen konnte, habe ich viel vom Spirit der Schule mitgenommen. Die chaotische, familiäre und sehr unprätentiöse Haltung zu Kunst ist beeindruckend und inspirierend. Die Tatsache, dass man an der Schule nicht wirklich ein international gültiges Diplom erstehen kann und man kaum auf eine kommerzielle Karriere vorbereitet wird, hat einen (meiner Meinung nach sehr wertvollen und solidarischen) Einfluss auf die Menschen, die hier studieren und unterrichten wollen.

Der Unterricht an der Schule ist mehrheitlich auf Hebräisch. Es gibt auch Kurse auf Arabisch, allerdings nicht im Musikdepartment. Ein Grund im advanced Program zu studieren und nicht im normalen Musikprogramm, war unter anderem die Sprache. Da wir im advanced Program nur sechs Studierende sind, haben wir uns darauf geeinigt den Gruppenunterricht meinetwegen auf Englisch zu halten, was die Situation für mich um einiges angenehmer gemacht hat. Dadurch konnte ich auch mit den restlichen Kursen auf Hebräisch gut leben. Die Mitstudierenden haben mir immer geholfen und im Zeitalter von Google Translate ist sowieso alles nur halb so wild.

Auf künstlerischer Ebene hat mich diese Schule auf jeden Fall massgeblich beeinflusst. Die Grenze zwischen Musik, Klang und Leben war wie aufgelöst. Ich bin sogar an einen Punkt gekommen, an dem ich es als sinnlos empfunden habe Musik zu machen und Musik zu nennen, was ich mache – weil am Ende sowieso alles Musik ist. Das war ein relevanter und wichtiger Moment für mich und hat meinen Horizont grundlegend erweitert.

Alles in allem ist es die beste Schule die ich mir hätte vorstellen können mit einer einmaligen Atmosphäre, die meiner Meinung nach stark vom Ort Jerusalem geprägt ist. In der religiösen Stadt Jerusalem sind selbst die Studierenden an der Musrara eine Minderheit, die versucht, ihren Platz in der Stadt zu finden und daher ihre eigenen Orte hat, wo sie sich trifft, arbeitet oder feiert. Ich habe mit Staunen gesehen, wie lebendig zeit- genössische Musik sein kann. Man stelle sich vor: die Mezkaka, das Lokal der Jerusalemer (Musik-)Subkultur macht Donnerstagabend Parties mit Trap oder Hiphop, Mittwochabend Filmabend oder politische Diskussionen und Montagabend zeitgenössische Konzerte von Lachenmann, Philip Glass bis zu improvisiertem Noise auf einem selbstgebastelten Instrument. Ich habe in diesem Lokal zwei Mal performt – einmal habe ich zwei Stücke für Akkordeon und Elektronik eines Freundes gespielt, mit einem Jiddischen Lied als Abschluss und beim zweiten Mal habe ich mit meiner Klasse als Semesterabschluss des Improvisationskurses The Tiger’s Mind von Cardew performt – mit Snare und Reiswaffel. Das musikalische Niveau war hoch und manchmal etwas weniger, – genau so wie es in einer Werkstatt sein muss. Attitüde ist kaum vorhanden und die KünstlerInnen besuchen sich gegenseitig bei Konzerten.

Trotz ihrer politischen offenen Haltung, ihren gemischten Klassen etc. ist die Schule am Ende eine israelische Schule. Daher bin ich froh, dass ich während und nach dem Semester genug Zeit hatte, die Stadt und das Land für mich zu erkunden und selbstständig die palästinensische Kultur näher kennenzulernen und Freundschaften zu schliessen.

Kurse und Projekte, von denen ich viel mitnehmen konnte, beschreibe ich auf den folgenden Seiten detaillierter.

Max MSP

Mit dem Kurs Max MSP konnten wir relativ früh bereits an einem realen Projekt arbeiten. Wir wurden als Klasse eingeladen, im Mamuta Art & Media Center in Jerusalem eine Klangausstellung zu machen. Die Idee war unter anderem, dass die Stücke aller Studierenden zeitgleich auf relativ engem Raum erklingen. Ich habe dabei mit Text und verschiedenen Midisounds gearbeitet. Mein Ausgangsmaterial waren vier gesprochene Texte in vier unterschiedlichen Sprachen (italienisch, schweizerdeutsch, arabisch und shona). Ich hatte im Voraus vier Personen gebeten, einen Text, den die Person gerne mag, oder der einen persönlichen Wunsch verkörpert, in ihrer Muttersprache zu lesen.

Diese vier Aufnahmen habe ich dann mittels Pitchdetection in ein Max-MSP-Instrument eingespeist und die absoluten Tonhöhen der jeweiligen Tonaufnahmen via Midiinstrumente wiedergegeben. Dabei habe ich mit Crossfades, Panning und dem Gewölbe in dem Ausstellungsraum gearbeitet. Ich habe zwei Lautsprecher verwendet – wobei ich diese jeweils an den beiden Enden des Korridors aufgestellt habe, so dass man als Ausstellungsbesucher je nach dem wo man sich hinstellte, ein anderes Panning erleben konnte. Das Stück funktioniert als geloopte Installa- tion und ist über die ganze Ausstellungszeit gelaufen.

Ich habe auf jeden Fall gelernt, dass es von Vorteil ist, einen genauen Plan oder ein genaues Ziel zu haben, wenn man mit dieser Software arbeitet, da es ohnehin mit Plan bereits anspruchsvoll ist, ein zufriedenstellendes Ergebnis zu erreichen. Gleichzeitig fasziniert mich bei Max MSP, dass die Software selbst inspiriert, sei es etwa bei falschen Verkabelungen oder absurden Werten, die man programmiert. Es war mein erstes Projekt, bei dem ich mit generativer Musik gearbeitet habe und es hat meine persönliche Auffassung von Zeit und Klangmaterial noch einmal neu definiert und Raum für neue Ideen geschaffen.

In diesem Kurs habe ich nebst der Software viel über Soundsynthesis, Modulationen, Granular-Synthese, Feedback und andere Prozesse gelernt. Mein Wissen in elektronischer Musik war bisher eher vom Ausprobieren geprägt. Mit den neuen Fähigkeiten besitze ich nun auch das Werkzeug, elektronische Musik differenzierter zu hören, zu verstehen und zu kreieren.

Video-Editing

Seit einigen Jahren arbeite ich mit Premiere Pro, allerdings wollte ich mir in einem geführten Kurs neue Fähigkeiten aneignen.
In diesem Kurs haben wir die Basics von Premiere Pro gelernt die neuen Skills jeweils wöchentlich mit kleinen Aufgaben geübt. Die Zwischensemesterarbeit zum Thema Stopmotion hat mir besonders zugesagt. Ich habe über ein paar Wochen Fotosequenzen geschossen und

damit einen Stopmotionfilm kreiiert. Dieser Film spiegelt für mich meine ersten Monate und Eindrücke in Jerusalem wider. Ich habe dabei mit Effekten, Tempo und Belichtung experimentiert. Den Soundtrack habe ich ebenfalls aus unterschiedlichen Aufnahmen gemacht, welche ich während der ersten Monate in Jerusalem aufgenommen hatte.
In einem weiteren Auftrag ging es um das Editing von einer grösseren Menge an Bildmaterial. In Jerusalem gibt es ein leeres Wasserreservoir, das moosüberwachsen mitten in der Stadt steht. Eine andere Austauschstudentin und ich haben uns dort an den Film Nostalgia von Tarkowsky erinnert gefühlt und somit haben wir beschlossen, die berühmte Kerzenszene darin nachzustellen. Das Material dieses Shootings haben wir dann beide geschnitten und konnten somit über die unterschiedlichen Schnitte, Tempi und daraus entstehenden Geschichten diskutieren.

Video ist für mich ein berührendes Medium, welches ich schon länger „privat“ verfolge und dieser Kurs hat mich auf jeden Fall dazu ermutigt, weitere Schritte in diese Richtung zu gehen.

Semesterausstellung in Holon „Getting Lost“

Der Kurs in Site-Specific-Art hat am Ende des ersten Semesters zu einer Ausstellung im Digital Centre of Arts in Holon geführt. Während dem Semester hatten wir verschiedene Diskussionen zu Kunst im öffentlichen Raum, politischer Kunst und Performancekunst. Wir hatten fast jede Woche eine kleine Aufgabe, bei der wir etwas neues Präsentieren resp. Ausprobieren sollten, das mit der nahen Umgebung zu tun hatte. Ich habe einige Versuche zu Wahrnehmung mit Auge und Ohr gemacht, bin aber relativ schnell an mein Hauptinteresse gelangt. Die erste Präsentation war ein wortbasiertes Soundpiece, das sich mit Reden von politischen Führern und den Gefühlen beschäftigt, die während dem Vorlesen und Performen dieser Reden aufkommen. Mich interessiert die Frage nach einer Grenze zwischen Führungskraft und Machtmissbrauch, sowohl inhaltlich als auch klanglich. Die Idee für mein Semesterprojekt basiert schlussendlich auf diesen Fragen und Interessen. Das finale Projekt nennt sich The Morning is Dead und basiert auf dem Text der grossen Schlussrede aus The Great Dictator von Charlie Chaplin und einer kreativen Verwendung von Google Translate. Ich habe eine dreistimmige Partitur geschrieben – für den Leader of the Party, eine Gruppe als Friends Of the Party und eine Gruppe als The Opposition. Sowohl die Partitur als auch das ganze Stück besteht ausschliesslich aus Text. Das Stück ist so konzipiert, dass es keine Zuschauer gibt, sondern jede Person, welche den Raum betritt, erstmal die Rede des Leaders lesen kann und dann entscheiden muss, ob sie sich der Partei oder der Opposition anschliessen will. Anschliessend bekommt jede Person entsprechend ihrer Gruppenzugehörigkeit ein Papier, auf dem alle Informationen zu finden sind – wo die Person hinstehen muss, wann sie etwas sagen, singen

oder schreien soll oder wann sie wem zuhören soll. Die Performance startet und endet von alleine. Ich arbeite im Stück mit Tonhöhe, mit Tempo, Orchestration (Stimmenverteilung im Raum), Dynamik und Klängen von Worten. Es war eine bewusste Entscheidung, keine Person vor der Per- formance zu instruieren und somit das Risiko einzugehen, dass etwas oder alles schief gehen kann.
Mein Hauptinteresse bei dieser Arbeit liegt darin, die Schnittstelle von Sound und Macht zu untersuchen, die Kraft einer protestierenden Gruppe zu erleben, auch wenn die Gruppe in dem Moment nicht einmal weiss, wofür sie protestiert. Es interessiert mich einerseits, weil ich an die Kraft und Wichtigkeit lauter Proteste glaube, andererseits ist es auch ein Stück, das sich mit der Absurdität jeglicher Reden und Parteien beschäftigt, da der Leader „ab Blatt“ propagiert und die Partei resp. Opposition zu etwas applaudiert, das bereits vorgeschrieben ist und nicht vom Inhalt abhängig ist. Eigentlich kann man das Stück als Wort-Karaoke zusammenfassen.

Da die verschiedenen Stimmen alle voneinander abhängen, habe ich unzählige Versuche durchgeführt und immer wieder Änderungen vorgenom- men, um am Ende eine Partitur zu haben, die „fehlerrestistent“ ist. Es war faszinierend für mich, eine neue Kompositionsweise zu entwickeln und umso erfreuter war ich, dass das Stück trotz Befolgung der strengen Partitur bei jedem Durchlauf anders performt und interpretiert wurde. Dieses Stück hat auf jeden Fall ein Feuer in mir für diese Art von Performance und Komposition entfacht. Es ist eine Art Spiel, es ist Musik, es ist politische Simulation und eine Art sozialer Event.

Performance, erstes Semester

Im Performance-Kurs hat uns die Dozentin in der ersten Stunde vermittelt, dass wir den Kurs massgebend bestimmen, allein mit unserer Präsenz. „Because the art is you.“ Wir mussten im ersten Semester jede Woche eine neue kurze Performance präsentieren. Die erste Performance be- stand darin, mindestens fünf Minuten vor der Klasse auf der Bühne zu stehen, nur zu sein und nichts darstellen zu wollen. Dieser klare Auftrag beschreibt Kinneret Max, unsere Dozentin sehr gut. Wann immer ich andere Performances präsentiert habe, hat sie sofort erkannt, wo der Kern und das Potential liegt, und über unnötige Details gar nicht erst gesprochen. Wir haben damit gearbeitet, wie es sich anfühlt, eine Aktion unzäh- lige Male zu wiederholen, wir haben unsere Körper eingesetzt und Objekte als gleichwertige Materialien wie unseren Körper verwendet.

Meine Semesterarbeit war eine Komposition mit Stühlen. Ich habe eine Partitur für Stühle und mich geschrieben und somit erforscht, wie Objekte in Relation zu einander stehen können. Die Arbeit an diesem Projekt hat mich gelehrt, detailliert an einer sehr spezifischen und simplen Idee zu arbeiten und das grösstmögliche daraus zu schöpfen. Ich habe durch die Absenz von Musik Komposition plötzlich als etwas Grösseres

verstanden, – dass eigentlich einfach Körper und Objekte in unterschiedlichen Konstellationen unterschiedliche Geschichten erzählen, unter- schiedliche Gefühle hervorrufen und es kaum eine Rolle spielt, mit welchem Material ich arbeite, solange ich mein Material klar auswähle und davon überzeugt bin, dass dieses Material meine Idee unterstützt. Diese Beschäftigung war aber ganz klar Studie zum Selbstzweck und meiner persönlichen künstlerischen Entwicklung, denn wenn immer ich diese Arbeit als etwas betrachtet habe, das unter Umständen präsentiert wird, hat mir die Relevanz dieser Arbeit dann doch deutlich gefehlt. Ich möchte keine Kunst in diese Richtung machen, aber ich möchte mir Raum geben, an Abstraktionen zu forschen und daran zu wachsen.

zweites Semester, Volcano Future

Im zweiten Semester hat die Dozentin ein Baby bekommen, deshalb haben wir als Klasse beschlossen an individuellen Projekten zu arbeiten und uns einzeln mit der Dozentin zu treffen. Für mich war klar, dass ich die neuerforschte Kompositionsweise von The Morning is Dead weiterverfolgen möchte. So ist das Projekt Volcano Future entstanden. Ganz gegen Ende des Entwicklungsprozesses sind auch noch die Stühle als zentrales Raumobjekt dazugekommen. Um mich mehr auf die Klangkomposition und weniger auf die politische Komponente zu konzentrieren, habe ich das Konzept von Partei/Opposition verlassen und stattdessen ein Stück für drei Individuen geschrieben. Ich habe dabei den Fokus auf die Frage nach dem Jetzt und wie sich das Jetzt in persönlicher und gesellschaftspolitischer Perspektive anfühlt, gelegt. Dafür habe ich ein Dokument mit Schlagwörtern/Titel erstellt, bei dem drei Mitstudentinnen den Auftrag hatten, ihre spontanen Gedanken dazu zu notieren. Durch Anzahl und Anordnung der Schreiblinien habe ich versucht ihren Output mitzugestalten. Sie haben mir das Papier anschliessend retourniert und ich habe die Worte der drei Personen durchmischt und als Textmaterial verwendet. Dabei habe ich sowohl inhaltlich als auch klanglich mit den Worten gearbeitet. Anschliessend hat jede dieser drei Personen eine Papier/Wort-Partitur mit Instruktionen erhalten. Auch hier habe ich Dynamik, Tempo, Position im Raum, Tonhöhe, Start und Ende der Performance einzig mit einem Stück Papier beeinflusst und bestimmt. Nach der Performance haben wir uns die Frage gestellt, wie sich die Arbeit verändern würde, wenn ich Proben zulassen würde (ich hatte den drei Frauen bis zum Beginn der Performance nicht genau gesagt, was sie auf dieser Bühne gleich tun werden). Ich bin fasziniert von spontanen Prozessen (wobei eigentlich alles auf der Partitur steht), die partizipativ sind und möglichst wenig bis kein Publikum beinhalten. Mich interessiert die Idee, dass jede Person eine Verantwortung trägt, – eine Bürde aber auch eine Chance zugleich. Gleichzeitig ist die Person gefordert, der Partitur akribisch genau zu folgen. An diesem Widerspruch interessiert mich die Idee, über Entscheidungen und persönlichen Willen und Widerstand nachzudenken.

Die beiden Sprachkompositionen haben jeweils zu einem sehr unterschiedlichen Ergebnis geführt, aber ich habe bei Volcano Future bereits gemerkt, dass ich dank den Erfahrungen aus The Morning Is Dead produktive Schlüsse ziehen konnte, v.a. was die Notation betrifft. Es macht Spass eine neue Notation zu lernen (zu erfinden?) und darin virtuoser zu werden. Ich möchte mich auf jeden Fall weiter damit beschäftigen und mich an grössere Zeitspannen wagen.

Musraramix - Chatz

Ende Mai findet jedes Jahr das Musraramix Festival statt. Internationale Künstler stellen aus und performen und Studierende arbeiten in zahlreichen Projekten mit oder performen ihre eigenen Arbeiten. Unsere Klasse hatte einen Slot im Programm der Experimental Electronic Stage. Das Projekt nannte sich 1+1. Die Grundidee war es, dass wir für zwei Instrumentalisten komponieren. Wir hatten einen Saxophonspieler und einen E-Gitarristen zugeteilt. Ich habe beschlossen, mit Max MSP zu arbeiten. Für mich ist dieses Programm nach wie vor faszinierend, – ich bin aber nicht so fortgeschritten darin, dass ich bereits alleine daran arbeiten könnte. Deshalb habe ich diese Gelegenheit genutzt, mit klarem Ziel ein Stück in Max MSP zu schreiben und dabei auf Unterstützung von Dozierenden zählen zu können. Mein Stück trägt den Titel Chatz, weil mein zweites Semester in Jerusalem stark von Katzen geprägt war. Grundsätzlich konnte ich eine gute Erfahrung machen, da ich erstmals Live-Instrumente und Max-MSP auf der Bühne gemeinsam verwenden konnte. Ich habe das Audiosignal der E-Gitarre in die Software eingespeist und davon neue Klänge generiert, resp. Prozesse gestartet. Leider gab es kaum Zeit zum Proben und mein Stück war auf jeden Fall auf Proben angewiesen und die Instrumentalisten waren am Ende nicht genügend fokussiert oder gewillt um zu verstehen, worum es in meinem (oder auch in den Stücken der anderen Studierenden) wirklich geht. Es hat mir gezeigt, dass ich vor allem bei zeitgenössischer und experimenteller Notation und Musik Performer brauche, die sich Zeit nehmen wollen auf die Musik einzugehen und dass ich persönlich and einem gewissen Grad an Widerstand seitens des Instrumentalisten interessiert bin, da ich glaube, dass meine Kompositionen daran wachsen. Wenn ich im Kunstbereich an einem Stück arbeite, bin ich auf den Charakter und den Einsatz des Instrumentalisten angewiesen und habe kein Interesse daran etwas zu komponieren, das ein Instrumentalist im Sinne eines Dienstleisters für mich spielt.

Soundtagebücher/Fieldrecordings

Im zweiten Semester habe ich einen Kurs zu Soundtagebüchern und Fieldrecordings besucht. Im Grunde hat die Dozentin den Fokus auf Material gelegt, das in der Nähe zu finden ist. In uns drin oder in unserer nächsten Umgebung. Wir haben uns Werke von SoundkünstlerInnen angehört, besprochen und selbst zahlreiche Beispiele erstellt. Mir gefällt die Form des Soundtagebuchs sehr gut. Ich konnte beobachten, dass ich mir die Tagebücher von Menschen, die ich bereits kenne, gerne anhöre und dass aber Stücke von fremden Personen auf mich meist unansprech- end oder gar langweilig wirken. Da ich in meinem kommenden Projekt, meinem Masterabschluss, mit Fieldrecordings aus der Zeit in Jerusalem arbeiten möchte und mich zwischen Tagebuch und Fiktion bewegen möchte, beschäftigt mich dieser Gedanke sehr.

Es war auf jeden Fall eine gute Möglichkeit in diesem Kurs im Schnellverfahren durch verschiedene Soundformate zu gehen. Wir haben einen Audiowalk gemacht, ein Soundtagebuch erstellt, ein Stück aus persönlichen Erinnerungen komponiert, Zeitungsartikel als Material verwendet, den Programmcode von Bildern gehackt, mit Zeitungsartikeln verwoben und aus diesen Code-Fragmenten Musik generiert.

Sounds of Palestine

Nachdem das Semester zu Ende war, war mir klar, dass ich mehr Zeit in Palästina verbringen möchte. Ich habe nach Projekten gesucht, welche mit Jugend und Musik zu tun haben, – denn nebst meinem Interesse an Komposition und Kreation habe ich stark den Wunsch danach verspürt, mit Kindern zusammenzuarbeiten.
Ich habe per Zufall das Projekt Sounds of Palestine entdeckt und diese hatten wiederum zufällig gerade ein paar Tage später den Start ihrer Summer- school. Ich bin dann für knappe drei Wochen nach Bet Sahour gegangen und habe dort als Volounteer garbeitet. Die Lehrerinnen und Lehrer sind abgesehen von einer Person alle locals aus der Betlehem-Area und die Schule nimmt nur selten Volounteers an. Daher war schnell klar, dass wir als Volounteers dazu da sind, um zu arbeiten und nicht um unseren CV aufzuwerten.

Sounds of Palestine ist ein gemeinnützige Organisation, welche Kindern aus den drei umliegenden Flüchtlingslagern in der Betlehem-Area gratis Musikunterricht, ein Essen pro Tag und Transportation bietet. Die Kinder lernen das ganze Jahr auf ihrem Instrument (Geige, Cello, Kontrabass, Perkussion und Klarinette) und spielen im Orchester. Während der Summerschool findet täglich Unterricht statt. Da der Perkussionslehrer kurzfristig verhindert war, habe ich morgens die PerkussionsschülerInnen unterrichtet und mit ihnen die Stücke fürs Orchester erarbeitet. Am Nachmittag habe ich jeweils in den Orchesterproben Klavier gespielt, mich um Notenmaterial gekümmert oder im Orchester bei der Perkussion mitgespielt. Nach ein paar Tagen habe ich begonnen an einem Schullied zu komponieren – resp. habe die Leitung dafür übernommen und die Kinder haben komponiert. Wir haben in Kleingruppen erst Lyrics geschrieben, an Inhalten herumstudiert und schlussendlich in Reime gepackt. Die weiteren Tage habe ich dann Kompositionsworkshops gegeben. Es war faszinierend wie unterschiedlich die Kinder darauf reagiert haben und bei einigen Kindern haben sich Ohren und Augen auf eine ganz neue Art geöffnet. Es war für einige revolutionär, dass wir eine Musik erfinden und spielen sollen, die weder auf Noten steht, noch ein Volkslied ist. Ich habe in der Schweiz in einigen Kinderprojekten gearbeitet, aber bei diesem Projekt habe ich noch einmal verstanden, wie essentiell für mich die Arbeit mit Musik und Jugend ist.

Sounds of Palestine ist sehr professionell organisiert und versteht sich nebst Musikschule als soziales Projekt, das Kindern Struktur in ihrem Leben gibt. Der Grossteil der Kinder würde sonst ohne Musik oder jegliche Kultur aufwachsen.
Wir haben die Summerschool feierlich mit einem Konzert beendet und ich spiele mit dem Gedanken, in naher Ferne wieder hinzufahren. Seither habe ich ein Orchesterarrangement eines arabischen Volksliedes für die Organisation arrangiert und arbeite momentan an einem zweiten Stück.

Dieser Aufenthalt war eine Art Gegenstück zu meiner Ausbildung an der Musrara und die beiden Tätigkeiten haben sich für mich perfekt ergänzt.

Polis Institute of Language and Humanities, Sprachen

In derselben Strasse wie die Musrara lernen Linguistikstudierende aus aller Welt alte und neue Sprachen. Es ist ein Ort, an dem ich erlebt habe, wie sich die Sprachen und Kulturen der Stadt ohne Hierarchie oder Absicht mischen. Es ist der einzige öffentliche Ort, an dem ich nicht zuerst überlege ob ich die Leute auf Arabisch oder Hebräisch grüsse..
Im ersten Semester habe ich Hebräisch gelernt. Ich war fasziniert vom neuen Alphabet, der Handschrift und es hat mir extrem geholfen im Alltag zurecht zu kommen. Ich konnte lesen wo mein Bus hinfährt, was in einem Produkt im Supermarkt drin ist, ich habe an der Kasse verstanden wie viel ich zu zahlen habe und last but not least, konnte den Fächern an der Musrara die auf hebräisch waren, zumindest einigermassen folgen. Sprache ist für mich eine Einladung zu einer Kultur und ich habe mich relativ schnell, ob gewollt oder ungewollt, in einer hebräischsprechenden Umgebung wohlgefühlt. Ich bin auf jeden Fall eine sehr motivierte und fleissige Sprachschülerin – ich liebe es, wenn ich realisiere, dass das was ich lerne, im Alltag brauchbar ist! Ich habe immer wieder mit dem Gedanken gespielt, arabisch zu lernen, da mir die palästinensische Bevölkerung in Jerusalem so fern von mir vorkam. Allerdings fehlte mir definitiv die Zeit um beide Sprachen gleichzeitig zu lernen. Nachdem ich das erste Semester erfolgreich abgeschlossen hatte, sind die Zweifel am Sinn Hebräisch zu lernen, immer mehr gewachsen. Ich habe be- merkt, dass mich die Sprache näher an die israelische Gesellschaft bringt und ich mich somit weiter von der arabischen Gesellschaft entferne. Ich hatte mir vorher nie überlegt, dass das Lernen einer Sprache mit einer politischen Entscheidung einhergehen kann – da Sprachen für mich bisher ausschliesslich etwas Verbindendes waren. In Jerusalem wurde ich dann einer anderen Realität ausgesetzt und musste oder wollte darauf reagieren. Ich habe kurzerhand entschieden, meinem Wunsch, arabisch zu lernen, nachzugehen, um auch einen Zugang zum arabischen Jerusalem zu bekommen. Ausserdem ist es für mich essentiell, wenn ich einer Stadt wie Jerusalem lebe, die eigentlich zweisprachig (oder noch viel mehrsprachiger) wäre, vom Hebräisch aber so stark dominiert wird, dass andere Sprachen kaum als vollwertig erachtet werden, arabisch zu- mindest ein bisschen zu beherrschen. Ich habe mein hebräisch natürlich das ganze Jahr brauchen können und bin froh über mein Wissen, – da ich aber Sprachen nicht aus sprachwissenschaftlichen Gründen lerne, sondern, um damit auf der Strasse zu kommunizieren, bin ich vermutlich relativ früh am Ende meiner Hebräischkarriere angelangt. Seit ich mehr Informationen zum ganzen Ulpan-System in Israel und allgemein über die Entwicklung des modernen Hebräisch erhalten habe, ist es für mich schwieriger geworden, die hebräische Sprache von der israelischen Idee eines jüdischen Staates zu trennen. Da ich mich mit diesen Ideen nicht identifizieren kann und nicht will, bin ich froh, den Hebräischunterricht nicht weiter besucht zu haben, da ich meine Energie längerfristig in Dinge investieren will, die mich konstruktiv weiterbringen.

Ich habe im zweiten Semester Levontinisches Arabisch, also palästinensisches Strassenarabisch gelernt. Das Alphabet ist ebenfalls sehr interessant (und schön), die Aussprache eine Herausforderung und der Sprachgebrauch ebenso. Es gibt so viele Varianten für jedes Wort, und Willkommensgrüsse können sich beispielsweise über Minuten ziehen. Da ich etwas zu spät in den Kurs eingestiegen bin, musste ich das Alpha- bet alleine zu Hause studieren, was nicht ganz ohne, aber schlussendlich machbar war. Es war eine faszinierende Zeit. Plötzlich habe ich ein anderes Jerusalem gesehen, und plötzlich habe ich andere Menschen gehört, bloss, weil ich ein bisschen von ihrer Sprache verstehen konnte. Es war relativ einfach mit Leuten ins Gespräch zu kommen, weil viele ältere Leute in Palästina kein Englisch können. Allerdings, – und das war ein grundsätzliches Problem für mich während des ganzen Jahres, welches sich aber in der Sprache am leichtesten beschreiben lässt, – bin ich oft in unangenehme Situationen geraten, weil ich eben doch auch Hebräisch sprechen konnte. Es gibt so viele Worte, die fast gleich klingen, und mein Hirn war oft überfordert, – hatte ich doch zwei „ähnliche“ Sprachen in so kurzer Zeit auf Einsteigerlevel gelernt und ich habe begonnen diese Sprachen in meinem Kopf zu vermischen. Die Leute in Israel haben das nicht gemerkt, weil sie meistens sowieso kein Arabisch können und wenn, dann haben sie mich für meine Arabischkenntnisse bewundert. In Palästina ist es aber verständlicherweise eher ein Verrat, wenn ich als Ausländerin in Jerusalem Hebräisch lerne. Natürlich denken nicht alle so, denn viele haben akzeptiert, dass man ohne hebräisch nicht einmal einen Führerschein machen kann oder mit Behörden in Kontakt treten kann. Der Grossteil der palästinensischen Bevölkerung kann zwar selbst hebräisch, würde aber niemals mit mir nur ein Wort auf hebräisch wechseln. Einmal war ich beispielsweise in einem Taxi in Palästina und habe mit dem Taxifahrer über die Landschaft geredet,– alles auf Arabisch. Dann habe ich aus Versehen Olivenbaum auf Hebräisch gesagt (es unter- scheidet sich nur in einem einzigen Vokal!) und er ist sofort misstrauisch geworden. Er hat mitten in Palästina begonnen mit mir auf Hebräisch zu reden. Und ich habe es ja auch verstanden, mich aber so gestellt, als ob ich nichts verstehen würde – aber das ist auch nicht so einfach. Die Situation ist es immer unangenehmer geworden, denn ich könnte ja auch eine Siedlerin sein, die sein Land besetzt. Ich habe dann beschlossen, ihm meinen Pass zu zeigen und ihm klarzumachen, dass ich Italienerin bin. Dass ich sein hebräisch verstanden habe, habe ich ihm bis zum Schluss nicht gesagt. Für solche Erklärungen braucht es immer viel Zeit, Verständnis und Offenheit. Das Misstrauen war da oft schneller und stärker, so dass ich mir diese Zeit kaum genommen habe um meinem Gegenüber zu erklären, wer ich eigentlich bin und was ich hier genau mache. Daher hatte ich oft einen riesigen innerlichen Stress, der viel zu viel Energie gezehrt hat und eigentlich kaum von jemandem verstanden wurde. Ich bin das ganze Jahr über von arabischen und hebräischen Communities hin- und hergesprungen, teilweise mehrmals am Tag und ich bin froh, beide Sprachen (ein bisschen) zu verstehen, aber es war zur gleichen Zeit eine grosse Belastung.

Als ich zu Sounds of Palestine gegangen bin, wurde die Situation dann noch etwas extremer. Für Kinder aus Flüchtlingslagern ist Hebräisch vor allem Sprache von Militär und Feind.. Ein Grossteil der Familien in den Flüchtlingslagern war noch nie auf der anderen Seite der Mauer und kennt kaum zivile Israelis. Ich habe daher mit der Leitung des Projekts nach Lösungen gesucht, wie ich mich verhalten soll (nur schon, wenn die Kinder wissen würden, dass ich in Westjerusalem lebe, entsteht unnötiges Misstrauen) und habe mir dann vorgenommen, jede hebräische Konversation, sei sie auch nur in meinem Kopf, sofort zu verdrängen. Es hat erstaunlich gut funktioniert und ich habe mich schnell frei gefühlt beim Arabisch, ohne dass hebräische Wörter ständig dazwischen kamen. Trotzdem war es für mich eine weitere Extremsituation.

Spätestens aber in Sounds of Palestine habe ich erkannt, wie viel mir mein Arabisch wirklich nützt! In den Perkussionsstunden war ich allein, weil die Lehrer schnell begriffen haben, dass ich keine Übersetzerin benötige. Natürlich war meine Kommunikation sehr simpel, aber die Kinder haben mich verstanden und ich habe sie verstanden. Auch im Orchester konnte ich folgen was die Dirigentin jeweils gesagt hat. Die grösste Herausforderung aber auch der Höhepunkt war dann in den Kompositionsstunden. Ich habe versucht, mit den Kindern einige Worte zu vertonen und musste ihnen erstmal erklären, was es heisst, eine neue Idee zu haben, die es davor noch nicht genau so gab. Ich habe also sehr viel geredet und zu meinem Erstaunen haben mich die Kinder verstanden. Die älteren Kinder haben jeweils ergänzt, falls die jüngeren von meiner Aussprache etwas irritiert waren.

Mit einem gesunden Selbstbewusstsein, dass ich plötzlich auf arabisch kommunizieren kann, bin ich kurz vor meiner Abreise eine Woche nach Nablus gefahren – die Stadt, in der wirklich fast niemand Englisch spricht – und habe mich bestens unterhalten. Natürlich bin ich noch immer am Anfang, – aber ich bin gleichzeitig auch begeistert wie viel man in so kurzer Zeit lernen kann und vor allem wie viele Türen plötzlich aufgehen (und in Jerusalem andere zeitgleich auch zugehen) wenn man eine Sprache ein bisschen spricht!

Am Ende sind die Sprachkenntnisse Hauptgrund für unersetzbare Gespräche, Erfahrungen und Begegnungen. Die Sprachen sind aber auch Spiegel eines Konfliktes und einer Ungleichheit, die sich bis in die letzte Facette des Alltags eingenistet hat und – wenn man den Sprung in beide Gesellschaften wagt, man ständig mit Trennung, Schmerz und viel Misstrauen konfrontiert ist.

Jerusalem

Je länger ich hier bin, desto mehr wird mir bewusst, dass Jerusalem nicht bloss eine Stadt ist. Es sind zwei Städte, vielleicht sind es auch hunderte Städte. Und die sozialen Gruppen durchmischen sich – ausser für ökonomische oder teils militärische Zwecke kaum. Daher sehe ich mich als „International“ als einer der privilegiertesten Menschen in dieser Stadt. Wir sind überall willkommen und sehen deshalb eine Vielfältigkeit der Stadt, die für ein Local viel schwieriger zu finden ist. Dies ist eine wunderbare Chance, stellt uns aber auch vor Entscheidungen. Lebe ich in Ost- oder in Westjerusalem? In welcher Sprache begrüsse ich die Leute? Habe ich palästinensische oder israelische Freunde? Und falls ich beides habe, – wie erkläre ich mich bei wem? Wie verarbeite ich all die unterschiedlichen Lebensansichten, die ich täglich zu Ohren bekomme? Oft verrenne ich mich total in diesen Fragen und habe Herrn Frustration als ständigen Begleiter bei mir. Ich bin enttäuscht über das reale Aus- mass der Zerstörung und Diskriminierung. Ich versuche irgendwie, diese Extremsituation als Chance zu sehen um über Gerechtigkeit und Menschlichkeit immer wieder neu nachzudenken und meine eigene Rolle als Touristin/Studentin/Opportunistin/Aktivistin zu überprüfen.

Wie bereits erwähnt, sind die Sprachen für mich ein direkter Zugang zu einer Kultur und ich bin froh, diese Challenge auf mich genommen zu haben. Die meisten Leute in Jerusalem verstehen Englisch, aber gerade bei Gesprächen mit alten Leuten oder mit Kindern helfen mir meine Sprachkenntnisse weiter. Die Kleidung der Bewohner Jerusalems ist ausserordentlich und fasziniert mich seit dem ersten Tag. Es gibt so viele Nuancen in den Religionen, verschiedene Gruppierungen spiritueller und politischer Natur und viel davon kann man an ihrer Kleidung ablesen und gleichzeitig auch von ihr in die Irre geführt werden. Alle tragen sie ihre Uniformen in dieser Stadt: die Religiösen, die Säkularen, die Soldaten, die Touristen. Und alles verschmilzt und kreiert einen einzigartigen Ort.

Stichwort Soldaten: Sie sind überall, sie sind jung und haben meist ein Gewehr bei sich. Ich weiss nicht genau was ich darüber sagen soll. Ich habe mich wohl an sie gewöhnt und ignoriere sie erfolgreich, denn wenn ich jede Soldatin und jeden Soldaten wahrnehmen würde, der auf Patrouille ist, einen Posten bewacht oder mit seinem Gewehr auf dem Rücken Bier trinken geht, wäre ich wohl schon nach kurzer Zeit wieder abgereist. Ganz zu schweigen von den Checkpoints, der Mauer und demütigenden ID-Checks auf offener Strasse.

Ich liebe die Märkte, das Feilschen, den chaotischen Verkehr, die Sprachen und natürlich die Leute. Vor allem die Altstadt Jerusalems wird für mich immer ein Faszinosum bleiben und ich verbringe jede freie Minute in diesen verwinkelten Gassen, sitze auf Dachterrassen oder diskutiere über die Zubereitungsart einer Speise.

Nebst oder gerade wegen den vielfältigen Kulturen, die auf kleinem Raum existieren, ist Jerusalem auch eine sehr energiezehrende Stadt. Politik und Religion stehen im Vordergrund des Tagesgeschehens. (Ost)jerusalem ist eine besetzte Stadt und ihre Bevölkerung ist davon täglich betroffen. Regelmässig werden Familien zur Häuserdemolition gezwungen, Zugang zu Wasser erschwert, Gemeindeservices wie Abfallent- sorgung vernachlässigt oder gar eingestellt, Häuser an Siedlerorganisationen verkauft, Zivilisten verhaftet, Familienzusammenführung aus anderen palästinensischen Städten verunmöglicht, etc... Es gibt unzählige Beispiele dafür, wie für die palästinensische Bevölkerung Jerusalems systematische Menschenrechtsverletzungen zum Alltag gehören. Ein in Jerusalem geborener Jude ist israelischer Staatsbürger und ein in Jeru- salem geborener Palästinenser besitzt keinen Pass, sondern eine Aufenthaltsgenehmigung, die er jederzeit verlieren kann.
Das alles muss man (unter anderem) im Bewusstsein haben, um zu verstehen, warum sich diese Stadt so anfühlt wie sie sich anfühlt. Auf beiden Seiten der Mauer gibt es wunderschöne Orte, viel zu entdecken und Freundschaften zu schliessen. Da ich wie erwähnt von der Schule aus ausschliesslich israelische Freunde habe, bin ich immer alleine unterwegs wenn ich in die Westbank fahre um dort Freunde zu treffen oder rumzureisen und habe dadurch eine Art zweigeteiltes Sozialleben. Ich habe kaum jemanden, der die Erlebnisse und Kulturschocks mit mir teilt. Ich habe mit der Zeit damit umzugehen gelernt – trotzdem aber ist diese Belastung nicht zu unterschätzen!
Je länger ich hier bin, desto stärker bin ich zwiegespalten gegenüber einem Austausch in Jerusalem oder Israel. Einerseits möchte ich meine Erfahrungen auf keinen Fall missen, habe von der Schule extrem profitiert und eine intensive und spannende Zeit in Jerusalem, Palästina und Israel gehabt. Andererseits tragen die Austauschstudierenden aus aller Welt zum Normalisierungsprozess in Israel bei, was meiner Meinung nach höchst problematisch ist. Da dieser Ort so sensibel ist, ist jede Zuwanderung, jede Hauszerstörung und jede neue Hauskonstruktion ein politischer Akt der das alltägliche Leben direkt beeinflusst. Als Austauschstudierende ist es relativ einfach, ein privilegiertes und eigentlich eu- ropäisches Leben in einer Stadt zu haben, die täglich neue Wunden abbekommt und auf rassistischen Policies aufbaut. Ausserdem ist die Stadt so designt, dass man als israelische/r Bewohner/in Palästina in Jerusalem abgesehen von der Altstadt nicht sieht. Zum Beispiel die City-Map, die man im Tourismusbüro bekommt, ist bei genauerem Hinschauen ein Teil der systematischen Ausklammerung der palästinensischen Neigh- bourhoods, denn sie werden weder aufgezeigt, noch werden Aktivitäten oder Restaurants in den palästinensischen Teilen der Stadt empfohlen. Die Separation in dieser Stadt ist wirklich nicht zu unterschätzen und diese “israelische Präsentation” der Stadt, an die man als Aus- tauschstudentin höchstwahrscheinlich erst mal herangeführt wird, ist meiner Meinung nach nur mit grosser Eigeninitiative zu durchschauen und zu “überwinden”.

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Lewin Stettler, London